Der Kongress der Zukunft

Wie sollen Kongresse zukünftig gestaltet sein, damit dort wirksam gelernt, begegnet, vernetzt, erlebt, entwickelt,…werden kann? Was sind Werte, Haltungen und Anforderungen an erkenntnis- undberührungsreiche Tagungen? Welches sind die Dramaturgien, Methoden und Formate des Kongresses der Zukunft?

Das micelab (mice = Abkürzung für Meeting, Incentive, Congress, Event) versammelt einmal pro Jahr herausragende Köpfe, die sich mit der Speerspitze erfolgreicher Meetings auseinandersetzen. Dieses Forum ist das erste Kongressforschungsprojekt im deutschsprachigen Raum, das gezielt über alle Disziplinen hinweg, Lernexpertinnen und -experten in einen Entwicklungsdialog bringt. Von der Theaterdramaturgin zum Soziologen, vom Schwertmeister zur Architektin, von der Social-Media-Expertin bis zum Komplexitätsforscher. Unsere Haltung dabei ist open source: Die Ergebnisse werden allen Interessierten auf dieser Website zur Verfügung gestellt.

Projektleiter: Hans-Joachim
Moderator: Michael
Videonautin: Tina

http://www.bodenseemeeting.com

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„Festival der Utopie“, Peine

12./13. September in Peine

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Einblicke aus Sicht einer Workshopleiterin (Tina)

I. Was sein sollte?

Was waren die erklärten Ziele der Veranstaltung/Veranstalter?

Laut Website: Auf der Hertie-Brache in Peine kommen bis zu 100 netsipotU, Visionärinnen, Fantasten, Träumer und Denkerinnen aus der Region Braunschweig zwischen 18 und 35 Jahren zusammen und spinnen gemeinsam neue Ideen für die Mobilität der Zukunft in der Region.

Anstelle von Endlosvorträgen und Powerpoint-Präsentationen verwandeln wir für euch die leerstehenden Ladenzeilen auf dem Hertie-Gelände in WorkShops und schaffen damit einen experimentellen Spielplatz des Wissens. Wir brechen alltägliche Denkmuster auf, um gemeinsam Neuland zu betreten. Jeder WorkShop zeichnet sich durch ein unterschiedliches Kreativformat wie Design, Performance oder Kreatives Schreiben aus, durch das eure Ideen zum Leben erweckt werden. Nach zwei utopischen Tagen wird am Samstagabend unser Jahrmarkt für kuriose Gedanken für Strippenzieher_innen von heute geöffnet, um diese in die möglichen und unmöglichen Mobilitätszukünfte einzuweihen und diese Zukünfte gemeinsam zu diskutieren.

Wurden die Ziele erreicht?
Ja!

  • Die sehr charmante und phantasievolle Gestaltung der ansonsten scheußlich verwaisten Brache in einer scheußlichen Fußgängerzone führte zu einer offenen und inspirierenden Festivalstimmung von Anfang an.
  • Roter Faden der Idee von „Spielplatz“, „Denkmuster aufbrechen“ etc. fand sich überall wieder, bis zur Benennung der Sessions: statt „Workshop 1, 2, 3 etc.“ hatten sie Namen: Gedankenspiel GmbH, Kreativitäskonditorei etc. Statt Impulsvortrag gab es „Wissensduschen“.
  • Schöne, kreative und phantasievolle Gestaltung: eigenes CI, viel (auf hohem Niveau) Gebasteltes, Gemaltes; überall kleine Anregungen für Passanten und Teilnehmer
  • Tolle Vorbereitung mit Festivallexikon, Material zum Einlesen
  • Die Anreise war Teil des Festivals: ein Unternehmen sammelte die Angaben zu „Wie kam ich her?“ – visualisierte das auf einer Karte der Region und stellte den ökologischen Fußabdruck allen vor.

II. Wie hat es gewirkt?

Inhalt & Struktur

  • Grußwort: Herzliche und persönliche Begrüßung der Initiatoren draußen auf dem Hauptplatz unter Regenschirmen. Während der drei Tage kontinuierliche und anteilnehmende Präsenz der Initiatoren
    • Keynotes: waren „Wissensduschen“. Es fanden immer drei der insgesamt 12 Inspirationsquellen à 15min auf dem Festivalgelände verteilt statt. Die Impulsgeber führten die Teilnehmer selbst in ihren Raum, indem sie mit einem selbst gebastelten Schild vorangingen. Die Wissensduschen waren sehr individuell gestaltet – ohne Power Point, mal im Stehen, mal auf dem Boden sitzend, mal mit Fragen an die Teilnehmer zu Beginn, mal rund um ein Beispiel gestrickt, mal als Frage-Antwortrunde. Es galt: Mut zur Lücke! Manchmal blieb es an der Oberfläche, dafür hat jeder mal selbst mitgedacht. Gelungenes Format nicht zuletzt durch die Vielfalt der Themen und Redner, die alle Experten, dabei aber unkonventionell und locker waren.
    • Im Mittelpunkt standen die Workshops – um sie herum war das Festivalprogramm gestrickt – nicht umgekehrt. Insgesamt waren am ersten Tag 8 Stunden, am zweiten Tag 5,5 Stunden Zeit für jeden der 9 Workshops
    • An den Workshops nahmen max. 10 Personen teil – es konnte also wirklich gesponnen, gearbeitet und phantasiert werden
    • Jeder Workshop hatte ein anderes methodisches Konzept / kreatives Tool als Basis: kreatives Schreiben, Schauspiel, Lecture-Performance, Theory U (unter meiner Leitung), Film, Kommunikationsguerilla, Szenariotechnik, Design-Prototyping) – die Herangehensweise und Methode war gleichberechtigt mit dem verhandelten Inhalt „Mobilität“

Struktur

Es gab eine klare Programmklammer mit langer Mittagspause und dabei flexibel gestaltbarem Ablauf in den Workshops.

Die Abschlusspräsentationen vor VIPs waren explizit nicht als Präsentation kommuniziert, sondern als Möglichkeit, Einblick in die Werkstätten zu erhalten. Dadurch lief auch dies ohne Druck und sehr individuell gestaltet – mit Tuchfühlung durch individuelle Gespräche – ab.

Ein Schauspieler fasste die Eindrücke aus den Werkstätten launig und lustig zusammen.

-> Wie hätte es besser gehen können?

Besser gings nicht würde ich sagen. Es war alles drin: Bewegung von Anfang an, immer wieder und als selbstverständlicher Teil; kreative Herangehensweisen im Zentrum, phantasievolle und liebevoll gestaltete Umgebung, hochmotivierte und professionelle Workshopleitende, Vernetzung immer und überall, ohne dass es krampfig wurde.

Einziger Wermutstropfen: die Teilnehmer konnten das, was in den anderen Workshops gemacht und erarbeitet worden war, nicht mitkriegen. Am Ende wurden die Modelle, Vorführungen, Geschichten etc. dreimal hintereinander vor einer kleinen (Reise)gruppe von sogenannten Strippenziehern der Region präsentiert. Jede Workshopgruppe konnte selbst aber nur eine andere besuchen. Bei einigen blieb dadurch der Eindruck, alles nur für die wirklich wichtigen Leute gemacht zu haben. Ich persönlich fand die Lösung nicht ideal, aber ok.

Partizipation & Vernetzung

  • Durch den frei gestaltbaren Ablauf in den Workshops traf man sich immer wieder auf den Wegen zum „Speisesaal“, an der frischen Luft, beim Essen, ohne viel Aufhebens drum zu machen.
  • Die Workshops waren Partizipation pur: selbst schreiben, basteln, denken, reden, Filme machen…
  • Die Impulse kamen ohne die Zuhörenden nicht aus, jeder konnte sich zu jeder Zeit einbringen.
  • Wichtigster Raum: der Speisesaal: hier trafen sich alle, die zwischendurch mal raus wollten, hier wurde gemeinsam gefrühstückt, manche nutzten Ecken zum Arbeiten in kleinen Gruppen, es standen Liegestühle herum und immer fand sich jemand zum Plaudern.
  • Am Ende des Festivals saßen alle – „VIPs“ und Teilnehmer, bunt gemischt zum Abschlussessen mit an den Biertischen.
  • Vernetzung auch durch kleine gute Ideen, z.B.: jeder der ca. 90 Teilnehmer inkl. Workshopleitende war im Vorfeld aufgefordert worden, eine Eigenschaft / Vorliebe anzugeben, die man auf den ersten Blick nicht sieht. Diese wurde auf einen Zettel geschrieben und einem anderen Teilnehmer in die Unterlagen gegeben mit der Aufforderung: Findet Euch!

-> Wie hätte es besser gehen können?

Alles super.

Rahmen & Technik

Die Räume waren spärlich mit Licht ausgestattet und ohne Heizung – es war eben eine alte Brache. Gegen kalte Füße lagen Decken bereit. Dadurch, dass jeder Raum anders aussah, alle Wände beklebt und Materialien von Knete über selbsthaftende Folie bis zu Schuhkartons zum Basteln alles bereit stand, wurde problemlos improvisiert: Flipchartbögen an einem Nagel schief aufgehängt und Pinnwände durch Karten-auf-die-Wand-kleben ersetzt.

III. Was bleibt?

Es bleiben viele Bilder, Inspiration durch Gesagtes, Ausgetauschtes, Begegnungen, Prototypen, Stimmungen.

-> Wie war die Gesamtdramaturgie?

Ging total auf. Es gab einen langsamen Einstieg zum Kennenlernen (1,5 Stunden pro Workshop), dann die Wissensduschen. Wie jeder Workshopleitende seine Dramaturgie sinnvoll spann, wurde jedem überlassen. Die Rückmeldungen lassen erahnen, dass dies in allen Werkstätten gelungen ist.

-> Ein Gefühl – Eindruck – Zitat – Gedanke – Erlebnis – Bild, das haften bleibt?

Warum es so gelang? Da hatte jemand ein echtes Anliegen. Es war mit viel Herz und Hirn konzipiert und mit der Liebe zum Detail und ästhetischer Schönheit gestaltet. Der Rahmen war klar und gesteuert, der Inhalt lag in der Eigenverantwortung eines jeden Workshopleitenden. Basteln und Rumspinnen waren selbstverständlich.

-> Würde ich die Veranstaltung weiterempfehlen – Ja/Nein und warum?

Ja, ohne Einschränkung.

Gesamtwertung
5 Fußabdrücke von 5